Gedenkstättenbesuch

Aussig an der Elbe am 31. Juli 1945

Ressorts: Tschechien, Politik, Hintergrund

Artikelinformationen

Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Freitag, 25 November 2011 15:19

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Horst Seehofer, der amtierende bayerische Ministerpräsident, wird die Tschechische Republik zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres besuchen, elf Monate nach seinem ersten und historischen Besuch. Dabei wird er auch wieder mit dem tschechischen Regierungschef Petr Necas zusammentreffen. Der Besuch soll diesmal auch im Zeichen der Vergangenheitsbewältigung stehen. Ministerpräsident Seehofer hat unter anderem das ehemalige nationalsozialistische Konzentrationslager in Terezín/Theresienstadt, die Gedenkstätte Lidice sowie die Brücke von Aussig (Usti nad Labem) in seinem Besuchsprogramm stehen.

 

Der 2. Weltkrieg war am 8. Mai 1945 offiziell zu Ende und die Wiederaufbauarbeiten setzten überall langsam ein, damit die entstandenen furchtbaren materiellen Schäden so bald als möglich beseitigt wären. Die in den Menschen entstanden Traumata aber blieben und viele aus der Generation in allen in diesen verheerenden und grausamen Krieg hineingezogenen Staaten leiden noch heutzutage unter den damals verursachten unfassbaren Leiden. Man begann mit der Aufarbeitung des Geschehenen und versuchte die Täter einer gerechten Strafe zuzuführen, für die von ihnen selbst oder ihren Helfern ausgeübten Untaten. Kurz nach Kriegsende galt das Prinzip der „Kollektivschuld" und daher sollten auch alle zur Täternation gehörenden Personen dafür bestraft werden, egal, ob sie direkt an den Kriegsverbrechen beteiligt waren, zu den Befürwortern des NS-Regimes gehörten oder einfache Mitläufer waren.

Auch die Gegner des Regimes wurden häufig dabei mit über einen Kamm geschert, denn: mit gegangen, mit gehangen. Jeder Deutsche galt als Faschist und Nazi und wurde entsprechend auch behandelt. Auch wer schwieg, gehörte mit dazu. Dies war die Situation in der wieder erstandenen Tschechoslowakei, wo noch über drei Millionen „Nazis" beheimatet waren, die „ihren" Staat im Jahre 1938 an Hitler verraten hatten. Damit sollte nun mit allen Mitteln Schluss gemacht werden und sie dorthin zurückkehren, woher sie vor mehreren hundert Jahren hergekommen waren. So oder ähnlich könnte die damals noch sehr emotional aufgeheizte Lage in der Tschechoslowakei beschrieben werden.

In der Stadt Aussig an der Elbe lebten nach der Volkszählung von 1930 43.773 Einwohner, davon 32.878 Deutsche. Auch hier wurde von vielen Bewohnern im Herbst 1938 (9. Oktober) der Anschluss des Sudetenlandes an das Reich begrüßt und auch hier wurde jegliche Opposition von den Nazis sofort unterbunden und das öffentliche Leben sofort gleichgeschaltet. Zahlreichen politisch Aktiven, wie etwa gefährdeten Funktionären der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, gelang noch die Flucht und der Exodus in die Emigration. Wer nicht schnell genug war - oder auch von den Tschechen wieder zurückgeschickt wurde - trat oft den Weg ohne Wiederkehr nach Flossenbürg oder Dachau und in andere nationalsozialistische Konzentrationslager im Reich an. „In Aussig hatte ferner einer der drei Regierungspräsidenten für den Reichsgau Sudetenland seinen Sitz. Im Novemberpogrom 1938 brannte man die Aussiger Synagoge nieder, von der etwa 1.200 Mitglieder zählenden jüdischen Bevölkerung der Stadt fielen etwa 80 Prozent dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer."

Bei Luftangriffen der USA Air-Force auf den Industriestandort Aussig, die noch am 17. und 19. April 1945 durchgeführt wurden, kam es zur Zerstörung von einem Fünftel der Stadt. Dabei kamen 500 Menschen ums Leben. – In der Zeit von 1945 und 1946 wurden dann aus Aussig etwa 53.000 Deutsche vertrieben.

Das Massaker an Deutschen am 31. Juli 1945

„Was war am Dienstag, dem 31. Juli 1945, um oder kurz nach 15.30 Uhr geschehen? Das Sammellager für deutsche Artilleriemunition, andere Munition, Panzerfäuste, Treibstoff und neue Flugzeugmotoren in Schönpriesen bei Aussig an der Elbe war explodiert. Durch die Druckwelle waren noch im Stadtzentrum von Aussig Fensterscheiben geborsten. Durch die gewaltigen Explosionen wurden auf dem Lagergelände fünf tschechische Soldaten und 26 deutsche Arbeiter/Innen getötet. Mehr als 250 Personen wurden verletzt, zwei oder drei Tschechen/Innen starben. Etwa 1.000 Bewohner von Schönpriesen verloren ihr Heim und ihre Habe. Die Explosion wurde als deutsche Sabotage-Aktion des ‚Werwolfs' ausgelegt. Heute steht fest, dass es sich dabei um eine geplante, von tschechischer Seite inszenierte Aktion durch Angehörige der Svoboda-Armee und der Revolutionsgarden (Stabskapitän Bedrich Pokorný und andere) gehandelt hat."

Dazu heißt es weiter: „Unzählige deutsche Männer sowie eine deutsche Frau mit ihrem Säugling im Kinderwagen wurden daraufhin in der etwa zwei Kilometer elbaufwärts gelegenen Stadt Aussig bestialisch ermordet. Sie wurden von der neuen Elbebrücke in den Fluss geworfen, und es wurde gezielt auf sie geschossen. Weitere Deutsche, auch ein Kleinkind, wurden auf dem Ringplatz in einem Löschwasserbecken ertränkt, in der Gerber- und Burggasse sowie vor dem Hauptbahnhof mit Zaunlatten, Brechstangen und Schaufelstielen erschlagen. Am Abend wurden die Toten an drei Stellen zusammengetragen, ausgeraubt und auf Lastautos weggeschafft." - Der damalige Vorsitzende des Orts-Nationalausschusses, Josef Vondra, hatte vergeblich versucht, dem Wüten des Mobs auf dem Ringplatz Einhalt zu gebieten.

Nach deutschen Angaben fielen dem Massaker zwischen 1000 und 2700, nach tschechischen Angaben zwischen 40 bis zu 100 Menschen zum Opfer. Jedenfalls steht darüber im „Königsteiner Amtsblatt" von 2001:

„Seit Ende Mai steht ein Grabstein besonderer Art auf dem Friedhof, oben hinauf hinter der Kapelle, abgelegen, in einer ruhigen Ecke, dort wo vor 50 Jahren Menschen beerdigt wurden, deren im Wasser treibende Leichen der Fluss in der Königsteiner Flur wieder losließ.

Fast unheimlich war es den Bewohnern der Elbhäuser, als in der ersten Augustwoche des Jahres 1945 mehrere Leichen an das Ufer der Elbe bei Königstein geschwemmt wurden. Es war immer wieder vorgekommen, dass während des Krieges mal eine Leiche die Elbe herabgeschwemmt wurde, auch dass mal ein Körper ans Ufer kam. Aber hier handelte es sich um viele Tote, die im Sommer die Elbe herunterschwammen und einige davon fanden ihre Ruhe auf unserem Friedhof."

Gedenktafel für sudetendeutsche Opfer in Ústí nad Labem/Aussig an der Elbe

Symbol dieses Massakers von Aussig ist die Elbebrücke zwischen der Altstadt und dem Stadtteil Schreckenstein. 60 Jahre nach Kriegsende hat die Stadt Usti nad Labem/Aussig erstmals offiziell das Massaker an deutschen Bewohnern der Stadt bedauert, zu dem es am 31. Juli 1945 gekommen war. Zum Jahrestag des schrecklichen Ereignisses wurde am 31.7.2005 an der dortigen Edvard-Benes-Brücke eine Bronzetafel befestigt, auf der Tschechisch und Deutsch der Satz „Zum Gedenken an die Opfer der Gewalt vom 31. Juli 1945" steht.

Die Tafel wurde vom Bürgermeister der Stadt, Petr Gandalovic, enthüllt. An der Feier nahmen rund 300 Personen teil, darunter Politiker, Historiker von beiden Seiten sowie Vertreter von deutsch-tschechischen Organisationen. Damit schließe die Stadt ein Kapitel der neuzeitlichen Geschichte, sagte der Bürgermeister Petr Gandalovic

Ústí nad Labem, wie Aussig jetzt heißt, ist das Zentrum des nordböhmischen Industrie-und Ballungsgebietes und durch seinen Elbe-Hafen auch ein Verkehrsknotenpunkt. In der Stadt mit rund. 95.000 Einwohnern befindet sich der Sitz des Okres Ústí nad Labem sowie des Ústecký kraj.

 

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Karl W. Schubsky