Ein halbes Jahrhundert Symbol für Heimweh

50 Jahre Grenzlandturm Neualbenreuth

Ressorts: Bayern, Fotostrecke, Böhmen, Tschechien, Region, Hintergrund, Tourismus

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Samstag, 27 August 2011 16:52

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Seit 50 Jahren steht bei Neualbenreuth an der oberpfälzisch-westböhmischen Grenze als Symbol für das „Unerreichbare" der Grenzlandturm der heimatvertriebenen Egerländer.

Die Grenze zwischen Bayern und den heutigen Tschechien wurde einmal gesäumt von zahlreichen Beobachtungstürmen zum Zwecke der „Verhinderung illegaler Grenzübertritte" an irgendeiner Stelle des „Eisernen Vorhangs". Von diesen einstigen militärischen Baulichkeiten haben nur die wenigsten die Jahre nach der „Samtenen Revolution" überstanden.

 

Ein anderes Relikt aus diesen Jahrzehnten, aber auf der bayerischen Seite der Grenze, konnte dieser Tage auf ein halbes Jahrhundert seiner Erbauung zurückschauen, nämlich der sog. „Grenzlandturm" in Neualbenreuth. Es war die große Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, die vertriebene Egerländer dazu veranlasste, wenigsten aus der Höhe einen Blick über die verschlossene Grenze hinein in Teile ihrer alten Heimat werfen zu können. Dafür erbauten sie im Jahre 1961, kurz hinter der Grenze auf einem Hügel bei der Marktgemeinde Neualbenreuth, einen Aussichtsturm, mit freiem Weitblick tief hinein in das Egerland.

Zunächst ein kurzer historischer Rückblick. In den Jahren 1945/46 kam es in den Grenzgebieten der Tschechoslowakei zu einem enormen demographischen Wandel. Aus diesen Gebieten, darunter auch dem Egerland, wurde der allergrößte Teil der ansässigen Bevölkerung „entfernt", wenn die Bewohner nicht sofort nach Kriegsende bereits „freiwillig" über die Grenze geflohen waren. - Wer dabei die Moral auf seiner Seite hatte, bleibt hier offen und soll nicht bewertet werden. Allerdings dürfen die Zeichen der damaligen Zeit nicht unberücksichtigt bleiben, wenn sie auch heute nicht mehr nachvollzogen werden können. In den Grenzgebieten entstanden jedenfalls zahlreiche „schwarze Löcher", also Räume, mit größten Bevölkerungslücken, die später von den neuen tschechoslowakischen Regierungen/Machthabern kaum wiederbesiedelt worden konnten. Ab einem gewissen Zeitpunkt war der Wille dazu allerdings auch nicht mehr vorhanden. Die Grenzgebiete verödeten. Die vertriebenen Deutschen schufen sich neue Lebensgrundlagen, die wenigen verblieben wurden im Laufe der Jahre größtenteils zwangsassimiliert und beinahe ihrer kulturellen Identität beraubt. Das Grenzgebiet zur Bundesrepublik, also Bayern, wurde hermetisch abgeriegelt, Besuche der „Ehemaligen" in ihrer alten Heimat waren seitens des herrschenden Systems nicht nur sehr erschwert sondern ja auch unerwünscht. So entstanden nach und nach entlang der deutsch-tschechoslowakischen Grenze besondere Plätze, wo sich die einstigen Bewohner versammelten, um ihrem Heimweh freien Lauf zu lassen.

Ein solcher Platz für die westböhmischen Egerländer entstand in Neualbenreuth, bei ihren Sprachverwandten in der Oberpfalz. 1961 war es hier soweit und der Grenzlandturm in der Nähe des Tillenberges konnte eingeweiht werden, „ein Symbol für Frieden und Freiheit sowie ein Wahrzeichen der Marktgemeinde", wie der Vorsitzende der im Jahre 1982 gegründeten „Arge Grenzlandturm", Richard Jechura, bei einem Festakt am 14. August anlässlich des 50-jährige Bestehen des Turmes sagte. Der Bau war damals kein einfaches Unterfangen, da es neben einigen politischen Schwierigkeiten auch solche mit dem Baugrund gab. So gestalteten sich die Arbeiten für das Turmfundament wegen des steinigen Untergrunds schwierig. Der Rohbau des Turmes wurde zunächst als Holzkonstruktion errichtet, deren Außenseite im Laufe der Zeit mit Kupfer gegen die Witterung geschützt wurde. 82 Stufen führen hinauf zur Aussichtskanzel in 19 Metern Höhe, wobei der Turm insgesamt 20 Meter hoch ist.

Richard Jechura ließ in seiner Festrede zum 50jährigen Jubiläum vor zahlreichen Teilnehmern noch einmal die Geschichte des Turmes seit seiner Entstehung Revue passieren - den am 3. August 1958 unterbreiteten Vorschlag, einen Aussichtsturm in der Marktgemeinde Neualbenreuth errichten zu wollen, über den im Juni 1960 erfolgten ersten Spatenstich sowie die mühevollen Grabungsarbeiten mit Schaufeln und Pickeln der freiwilligen Helfer aus der Bevölkerung. „Die Erstellungskosten beliefen sich damals auf 29 000 Mark. Die Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus der Sudetendeutschen Landsmannschaft und dem Oberpfälzer Waldverein Neualbenreuth, hatte ihr Ziel erreicht."

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Auch der 1. Bürgermeister des Marktes Neualbenreuth, Albert Köstler, wies in seinem Grußwort auf die besondere Bedeutung des Grenzlandturmes hin. Köstler sagte: „Hunderttausende von Besuchern haben seitdem die Gelegenheit genutzt, ihren Blick über das herrliche Neualbenreuther Tal in das benachbarte Egerland und Stiftland schweifen zu lassen. Viele davon mit Wehmut und Hoffnungslosigkeit angesichts des vor ihnen liegenden ‚Eisernen Vorhanges'. Der Grenzlandturm wurde damit zum Symbol des ungebrochenen Selbstbewusstseins der aus der Heimat vertriebenen egerländer und sudetendeutschen Landsleute." Gleichzeitig habe der Markt Neualbenreuth mit dem Grenzlandturm im Laufe der Jahre auch ein beliebtes Ausflugsziel mit seinem Biergarten und dem „Turmstüberl" erhalten. Albert Köstler weiter: „Der Grenzlandturm ist Teil unserer jüngeren Neualbenreuther Geschichte. Er sah die Panzer auf der Altalbenreuther Höhe zum Ende des Prager Frühlings 1968, er sah die Anfänge von Sibyllenbad 1969 und die damit aufkeimende Hoffnung auf eine positive Zukunft für Neualbenreuth. Zu seinen freudigsten Erlebnissen aber wird er die Öffnung des Eisernen Vorhanges 1990 zählen. Er verlor damit zwar seine Funktion als Schaufenster in die alte Heimat. Er wurde zum Symbol einer neuen Freiheit in Europa, ist mahnender Zeigefinger, unseliges Handeln unter den Völkern Europas nicht mehr zuzulassen."

Zur Erinnerung an den Jubiläumstag wurde von den in der „Arbeitsgemeinschaft Grenzlandturm" vereinigten Organisationen bei herrlichem Wetter auch eine Eiche gepflanzt.

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Das Bild bei der Pflanzung der Jubiläumseiche zeigt von links das Ehepaar Uhl, Egerer Landtag, Walter Küblböck, 1. Vorsitzender OWV Neualbenreuth, Richard Jechura, 1. Vorsitzender der ARGE Grenzlandturm, Albert Köstler, 1. Bürgermeister, Frau Wagner, Sudetendeutsche Landsmannschaft, Christian Maischl, 1. Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins Neualbenreuth als Vertreter der Mitglieder der ARGE Grenzlandturm.

 

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