Buchwald-Bučina im Böhmerwald. Höher geht’s beinahe nimmer!

Ressorts: Tschechien, Region

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Freitag, 17 August 2012 18:35

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Wo der tschechische Streckenteil der „Via Nova" auf 1200 m Höhe den ehemaligen „Eisernen Vorhang" durchdringt und sich bis nach Přibram fortsetzt.

Im tiefsten „Wald" gelegen und an herausragender Stelle (in ca. 1200 m Höhe), stößt der „Pilgerweg des 21. Jahrhunderts", als der die „Via Nova" gerne bezeichnet wird, am Ende des Bayerwaldes auf eine in den Böhmerwald hineinführende Pforte, scheinbar inmitten der Waldeinsamkeit. Bis hierher führt auch eine von den sog. „Igelbussen" befahrene Straße von Finsterau (ca. 1030 m hoch gelegen) kommend gerade bis auf den Platz direkt an der bayerisch-tschechischen Grenze, Für echte „Pilger" auf der Wanderschaft lässt sich diese, nennen wir es einmal „Waldlichtung", auch fußläufig sehr gut erreichen. – Vielleicht ein wenig aus der Puste nach dem längeren Anmarsch, aber im Bereich der beiden Nationalparke Šumava und Bayerischer Wald gibt es nach wie vor festgelegte Übergänge wie auch gesperrte Bereiche.

 

Einer dieser freigegebenen Übergänge liegt auf der Strecke des ehemaligen „Oberen Goldenen Steiges" und führt von Finsterau in das frühere Buchwald, gleich an der Grenze. – Auf dem Platz vor dem Grenzübergang stößt man erneut auf ein die „Via Nova" begleitendes Proprium – oder Merkmal, einen „Sitzstein". Die Sitzsteine am "Pilgerweg des 21. Jahrhunderts" wollen auch daran erinnern, dass das Pilgern ursprünglich eine rauhe und ungemütliche, mitunter „steinige" Angelegenheit ist (oder war). Andererseits stellen sie einen Bezug zur Region her, da die „Via Nova" im Bayerwald (Vilshofen bis Finsterau) ihren Verlauf durch eine klassische Granit-Gegend nimmt. Hier findet sich zudem als Symbol für den durchbrochenen „Eisernen Vorhang" ein Torrahmen mit Kettenvorhang, der von den zahlreichen Waldtouristen und Wanderern, die, um hierher zu kommen, bayerische oder tschechische Igel-Busse nutzen können, bestaunt wird.

Zurück zum eigentlichen „Wald", durch die Grenzziehung zerteilt in Bayerischer Wald und Böhmerwald. „Ich bitte mich recht zu verstehen. Es ist schon hier, unvergleichlich schön. Die Menschen vermochten der Natur ihren ewigen Reiz nicht zu rauben – aber das typische des Böhmerwaldes, seine erhabene, heilige Ruhe, die Poesie seiner rauschenden Fichtenwälder, ach, es ist von hier verschwunden auf immer." Diese Worte würden nicht über die eigene Tastatur des Schreibers eingeben, sondern flossen aus der Feder von Karel Klostermann, dem profunden Waldkenner und Schriftsteller, der hier im Wald viele Jahre verbracht hat. Karel Klostermann, der Dichter des Böhmerwaldes, hat sein Werk an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts verfasst. Von ihm stammt das Zitat aus seinem Werk „Böhmerwaldskizzen". – Eigentlich wäre 2012 damit zu rechnen, die Umgebung könnte sich gerade hier im Nationalpark wieder erholt haben, was aber nicht den Anschein hat. Die zahlreich vorhandenen Baumschäden zeigen, dass die Natur sich nicht unbedingt ins Handwerk pfuschen lässt. Jüngere Baumbestände strecken sich zwar wieder in den Himmel, aber trotzdem sind überall sichtbare Lücken vorhanden.

Das mitteleuropäische Waldgebirge ist seit alters her nicht nur eine Wasserscheide, es trennte auch Lebensräume, bis es selbst als auch Lebensraum nutzbar gemacht wurde. Der einstige Urwald wurde dabei mehr und mehr zurückgedrängt und wo möglich, auch landwirtschaftlich genutzt. Schließlich wurde durch ihn in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine breite Schneise gezogen, um einerseits das überwechseln von Menschen von der einen auf die andere Seite zu verhindern, andererseits als Demarkationslinie zwei politische Systeme voneinander abzuschotten. - Diese erinnerte irgendwie an die Anfänge des römischen Limes, als im 1. Jahrhundert durch den Taunus in den dortigen Urwald ein breite Schneise geschlagen wurde, um germanische Einfälle besser abwehren zu können. Überhaupt erinnert der spätere Ausbau des Limes irgendwie auch an das Konzept des „Eisernen Vorhangs": Graben, Wall, Palisaden und Wachtürme entlang des gesamten Verlaufs, in einiger Entfernung dahinter Wachkastelle für die Grenztruppen. Eine breite Schneise (fast) frei von zivilen menschlichen Ansiedlungen zwecks einfacherer Kontrolle für das Wachpersonal. Gut, der Taunus gehört nur zu den kleineren Mittelgebirgen und bevor wir uns in der Geographie total verlaufen, wieder zurück ins Grenzland und in eine Region, die auch wieder für die Wanderer und Touristen größtenteils aus Sperrgebieten besteht. Heutzutage allerdings sind die Gründe dafür heute der Naturschutz.

Durchschreiten wir also den Kettenvorhang mit einem symbolischen Akt und betreten das ehemalige Sperrgebiet über eine kleine Grenzbrücke und befinden uns von nun an im Nationalpark Šumava und in Bučina, einem heutigen Gemeindeteil von Kvilda, oder Außergefild, wie es die Böhmerwäldler nennen. Hat sich etwas verändert? Das Klima ist unverändert, die Windrichtung geblieben, der Aussicht weitreichend, wie von Karel Klostermann in seinen „Böhmerwaldskizzen" beschrieben. Ab hier bewegt sich der Wanderer auf dem tschechischen Abschnitt der „Via Nova", die Umgebung ist aber gleich geblieben. Lediglich einige Bebauungsspuren sind hier noch zu sehen, da wo früher der Ort Buchwald gestanden hat. Heute bilden in der Folge der Vertreibung seiner Bewohner sowie der Anlage des Eisernen Vorhangs nur das jetzige Hotel „Alpenblick" oder eine renovierte Dorfkapelle die Bebauung, damit eigentlich eine Wüstung. Eine Besonderheit bildet vorort das wiederhergestellte Teilstück der einstigen Grenzanlagen. Dieses erinnert daran, dass hier der Böhmerwald zuende war und dahinter einmal das kapitalistische Ausland begann, wo nicht nur der Klassenfeind, sondern, was noch schlimmer war, die Deutschen lebten.

Doch soll Klostermann erneut zu Wort kommen und das Dorf Buchwald zu seiner Zeit beschreiben: „Buchwald gehört zur Herrschaft Groß-Zdikau, Eigentum der gräflichen Familie Thun... Auch hier hat der Sturm vom Jahre 1870 und die drauffolgende Borkenkäferkalamität schreckliche Breschen geschlagen." Soweit Karel Klostermann und er hat uns mit seiner Schilderung akkurat in die Gegend geführt, wo in der Nähe Smetanas sinfonische Dichtung „Die Moldau" ihren Anfang nimmt, da hier die Warme Moldau entspringt.

Seit dem 11. September 2011 überschreitet der europäische Pilgerweg nun auch die tschechische Grenze in den Böhmerwald hinein, genau an einer über Jahrzehnte hinweg verschlossenen Stelle. Jetzt ist der Weg aber frei für die runde 130 Kilometer lange Etappe über 40 böhmische Dörfer bis in das 50 Kilometer südlich von Prag gelegene Přibram und führt dabei zumeist durch eine landschaftlich reizvolle Natur. Die Route ist nicht neu, denn bereits vor 200 Jahren pilgerten die „Waidler" auf den Svata Hora, den Heiligen Berg bei Přibram. Es ist jetzt nicht nur ein grenzüberwindender Weg, es ist eine Strecke, der nach dem Wunsch seiner Organisatoren die Menschen aus beiden Ländern wieder zusammenbringen soll.

 

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Karl W. Schubsky