Wilhelm-Müller-Denkmal der Anonymität entrissen

Ressorts: Tschechien, Region, Kultur, Hintergrund

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Montag, 05 August 2013 16:20

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Die Stadt Franzensbad hat die Anregung des Ehepaares Prof. Dr. Bernd Leistner und Dr. Maria-Verena Leistner aus Sachsen aufgenommen und auf dessen Kosten ein altes Denkmal wiederherstellen lassen, wodurch dem kaschierten Denkmal für den romantischen Dichter Wilhelm Müller seine ursprüngliche Gestaltung (fast) zurück gegeben wurde.

Es kommt immer wieder einmal vor, dass während einer Unterhaltung die Frage gestellt wird: „Kennen sie den?" Das ist meist eine landläufige Frage, um auf einen bestimmten Witz anzuspielen, während bei der Frage nach einer Person immer ein Name hinzugefügt werden sollte. Also: Kennen Sie den „Müller"? Gegenfrage: „Den vom „Brot" oder den vom „FC Bayern München"? Nein, hier ist diesmal die Person des romantische Dichter Wilhelm Müller gesucht, der im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts besser unter seinem Spitznamen „Griechen-Müller" bekannt war. – Aber hätte nicht alleine schon der heutzutage völlig aus der Mode gekommene Vorname „Wilhelm" zeigen können, dass es sich bei ihm um eine Person „älteren Datums" handeln muss, denn wer versieht sein Kind in heutigen Tagen noch mit dem Vornamen „Wilhelm", wo es doch viel glänzendere Namen wie z. B. „Kevin" gibt?

 

Für Jahrzehnte war das von Denkmal Wilhelm Müllers im Franzensbader Stadtpark in die Anonymität zwangsversetzt worden. Das Denkmal wurde 1910 von dem Egerländer Adolf Mayerl (* 28. August 1884 in Eger; † 23. September 1954 in Schrobenhausen in Oberbayern) geschaffen, einem Bildhauer und Keramik-Künstler, dessen Arbeiten in Eger und Franzensbad noch immer zu sehen sind. - Natürlich hätte man damals bei der „Entgermanisierung" Franzensbads auch einen Schritt weiter gehen und auch das Denkmal für Wilhelm Müller total beseitigen können, wie es zum Beispiel mit den Grabsteinen auf dem alten städtischen Friedhof im Stadtteil Oberlohma - und auch auf dem gegenüber desselben angelegten Judenfriedhof - praktiziert worden ist, wo jetzt kein einziger deutsch beschrifteter Grabstein mehr neben dem anderen steht. – Andererseits darf hier auch nicht unerwähnt bleiben, dass es heute in der Stadt Franzensbad auch neue „einheimische Kräfte" gibt, die sich sehr an einer Wiederherstellung ihres ursprünglichen Ambientes interessiert zeigen und der kleinen westböhmischen Kurstadt im Bäderdreieck wieder – zumindest peu à peu - ihr altes Flair und Lokalkolorit zurückzugeben und die während der stalinistischen Epoche der CSSR angerichteten Schäden zu beseitigen suchen.

Es hat schon etwas Bewegendes an sich, dabei mit anwesend zu sein, wenn ein begangener historischer Fehler wieder „korrigiert" wird, wenn es sich dabei auch eigentlich nur um einen kleinen, aber offiziellen Feierakt in Anwesenheit des Franzensbader Bürgermeisters, des Ehepaares Leistner sowie weiterer städtischer Repräsentanten gehandelt hat, untermalt von einem Chor. Das Denkmal des Dichters Wilhelm Müller ( geboren am 7. Oktober 1794 in Dessau, gestorben am 1.Oktober 1827 ebenda) stand zwar immer auf seinem ursprünglichen Standort im Park, aber die Inschrifttafel wurde nach 1945 beseitigt und es verblieb all die Jahrzehnte nur ein nichtssagendes Reliefporträt auf „einem verirrten Stein eines unbekannten Kavaliers". Grund für die damalige Behandlung des Denkmals waren die Worte auf einer Tafel unter dem Porträt mit dem eingemeißelten Text „Es ist das kleinste Vaterland der größten Liebe nie zu klein". Dies ist der erste Vers aus einem von Wilhelm Müllers Epigrammen. - Darunter stand dann die Widmung der deutschvölkischen Hochschüler aus Franzensbad mit der Jahreszahl 1910. - An der Enthüllung des Denkmals im Jahre 1910 hatten damals mehr als 400 Personen teilgenommen, am Festakt im Kurpark waren diesmal zwar erheblich weniger beteiligt, aber nicht desto trotz gelang es den Veranstaltern, der Feierstunde einen würdigen Charakter zu verleihen, woran der Chor „LA DOLCE VITA" aus Falkenau / Sokolov nicht unwesentlich beitrug, der bekannte Lieder Wilhelm Müllers intonierte.

Wilhelm Müller und Franzensbad

„Die Griechenlieder sind selbst bis tief in Östreich bekannt, wenigstens dem Namen nach, und ich werde daher hier oft mit großen Augen angesehn." – „Dieser Satz steht in einem Brief, den Wilhelm Müller am 10. August 1826 aus Franzensbad an seine in Dessau gebliebene Frau schrieb. Und eben auch in Franzensbad, wo sich der Einunddreißigjährige zur Kur aufhielt, identifizierte man ihn nicht in erster Linie als den Autor des Italienbuches Rom, Römer und Römerinnen oder als den der Schönen Müllerin und der Winterreise, sondern als den dieser Griechenlieder. Über die Gespräche freilich, die sich auf sie und ihren Gegenstand bezogen haben dürften, schweigen sich Müllers Franzensbader Briefe aus. Reisende, die sich ins Habsburgische begaben, wussten sehr gut, dass es geraten war, Äußerungen politischen Einschlags besser nicht der Korrespondenz anzuvertrauen", schreiben Bernd und Maria-Verena Leistner, die beiden eigentlichen Initiatoren der Wiederherstellung des Müller-Denkmals in ihrem Beitrag „Wilhelm Müller in Franzensbad", die seit Jahren in den westböhmischen Kurort kommen. -

„Das Schicksal des Franzensbader Denkmals lag uns, seit wir es kannten (genau: seit 1988), sehr am Herzen. Und vor etwa zehn Jahren schrieben und publizierten wir einen einschlägigen Aufsatz, der damals sowohl in Deutschland als auch in Tschechien gedruckt wurde", so Leistner. Wilhelm Müller's Gedichte wurden im 19. Jahrhundert vertont und Lieder wie „Am Brunnen vor dem Tore" oder „Im Krug zum grünen Kranze" wurden zu echten Volksliedern. Besonders Franz Schubert hat mit seinen Liederzyklen „Die schöne Müllerin" oder „Die Winterreise" Wilhelm Müller auch musikalische Denkmäler gesetzt.

Lassen wir hier an dieser Stelle auch den deutschen Vorsitzenden des „Freundeskreis deutsch-tschechischer Verständigung e. V.", Alois Hartl, zu Wort kommen, da der „Freundeskreis" in das Zustandekommen der „Wiederindienststellung" des Denkmals seit 2011 auch involviert war. Hier der Kommentar Alois Hartls:

"Nur der Kunst verpflichtet

Im deutsch- und tschechischsprachigen Kulturraum war es gleichermaßen üblich, romantische Dichter nach ihrem meist frühen Tod zu Unrecht für nationale Ideen zu vereinnahmen und ihr Andenken in diesem Sinne zu pflegen. Die Errichtung des Wilhelm-Müller-Denkmals 1910 in Franzensbad durch die nationale deutsche Studentenschaft ist dafür ein treffliches Beispiel. Es ist der Verdienst der Wilhelm-Müller-Gesellschaft und der Stadt Franzensbad, das Denkmal mehr als hundert Jahre nach seiner Errichtung endlich seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt zu haben, der Erinnerung an einen Dichter der Romantik, der sich nichts und niemandem verpflichtet sah, als seiner eigenen Kunst.

Fördeerhinweis (unter www.euregio-bayern.de)

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